Alt werden…
Jetzt bin ich unfassbare 75 Jahre alt geworden. – FÜNFUNDSIEBZIG!
Vor Kurzem habe ich in einem Interview gesagt, dass ich kein Problem mit dem Alter hätte, weil ich jede Phase meines Lebens so intensiv gelebt habe, dass ich nicht glaube, etwas versäumt zu haben.
Das stimmt schon, aber die altersbedingten Begleiterscheinungen, die mich seit Jahren belästigen, beschatten meine Eitelkeit. Wenn sich gewisse Körperteile der Erdanziehungskraft ergeben und sich die Haut nach gefühlten hundert Diäten nicht mehr zurückbildet, braucht man kein Geburtsdatum mehr, um nachweislich alt zu sein.
Da helfen weder Bürstenmassagen noch hochwertige Körperlotions und auch keine Gymnastik. Daher werde ich nur noch im Notfall abnehmen und hoffen, dass sich meine Körperhülle irgendwann doch wieder an mich schmiegt. Andererseits freut es mich umso mehr, dass sich in meinem Gesicht durch die pralle Unterlage viel weniger Falten gebildet haben als bei schlanken Frauen gleichen Alters. Aus diesem Grund benötige ich auch keine langen, dichten Stirnfransen oder überdimensionale Sonnenbrillen, die das halbe Gesicht verschwinden lassen.
Nachdem man nichts ins Licht rücken soll, was im Verborgenen besser aussieht, habe ich gelernt, zu kaschieren: Nichts Figurbetontes und nichts Ärmelloses,- nicht einmal bei sommerlicher Affenhitze -, damit meine Flügelarme keinen Sonnenbrand kriegen. Und weil High Heels nicht gesund für die Lendenwirbelsäule und Füße sein sollen, trage ich zu allen Anlässen bequeme Sneakers. Mein ganzer Kasten ist voll von vorteilhafter Kleidung in allen Farben und Größen. Das Einzige, was mir immer passt, sind Schirme, Schals und Handtaschen, die weder von Gucci noch von Louis Vuitton sein müssen. Sie müssen mir nur gefallen und sollen kein Vermögen kosten. Weniger Kosten scheue ich lediglich bei der Auswahl delikater Speisen.
Früher habe ich attraktive Frauen gern veräppelt, weil sie wegen jedem Scheiß zum Schönheitschirurgen gelaufen sind: Botox hier, Botox da, Absaugungen, eine Bauchstraffung, eine Brustvergrößerung oder eine Nasenkorrektur.
Und wozu das alles? Damit sich der Göttergatte nicht gleich ein jüngeres, strafferes Pupperl sucht?
Tatsächlich wären auch bei mir ein paar Eingriffe zur rechten Zeit ratsam gewesen, weil es mir mit zunehmendem Alter immer schwerer fiel, mich mit diversen Ausuferungen meines Körpers zu arrangieren. Aber diese chirurgischen Eingriffe hätten viel Zeit, Geld und Schmerzen gekostet, die ich mir während meiner erfolgreichen Karriere nicht antun wollte. Ich dachte immer: Das wird schon noch gehen!
Dass wahre Schönheit von innen kommt, ist eine inflationäre Ausrede. Wer seinen Körper nicht akzeptiert, verliert häufig auch seine Ausstrahlung. Bis heute wundere ich mich, dass mich mein wunderbares Publikum selbst dann noch geliebt hat, als ich mich mit zweiundsiebzig Jahren trotz meines körperlich desolaten Zustandes immer noch auf die Bühne getraut habe. Zum Glück hat mich das Leben mit einer guten Stimme-, musikalischer Leidenschaft und einer großen Portion Talent ausgestattet, Lieder zu schreiben, die nicht nur mir-, sondern auch einer breiten Zuhörerschaft gefallen. In dieser Branche mag das vielleicht hilfreicher sein als eine makellose Figur!
Meinen Fünfundsiebziger möchte ich diesmal nicht feiern, weder groß noch klein, nicht mit Kollegen, Bekannten, Geschäftspartnern oder Freunden. In meinem Leben habe ich schon genug gefeiert, lustig, laut und exzessiv, und ich habe es mit allen Sinnen genossen!
Diesmal lasse ich es ruhig angehen, werde mich in bequemen Klamotten von meinem Liebsten bekochen lassen, Paolo Conte hören und mit einem guten Glas Wein auf das wunderbare Leben anstoßen, das mir bisher vergönnt war.
„…oh it´s wonderful, it´ s wonderful, it´s wonderful, good Luck my Baby!“
Stefanie Werger (am 2. Juli 2026)